Last update:
06.12.2004

Was, du malst?

Es kommt immer wieder vor. Ich sitze mit Bekannten und Freunden zusammen, wir unterhalten uns, trinken vielleicht was. Das Gespräch kommt auf die großen Interessen des Lebens und es tritt zu Tage, dass ich den Keller und den Kopf voller Bilder habe, gemalter und noch ungemalter. Und immer stellt irgendjemand die Frage: „Was, du malst?“

Daran habe ich auch grundsätzlich überhaupt nichts auszusetzen. Oft ist der Frager einfach erstaunt, wusste das eben nicht, malt vielleicht sogar selber.

Ein bisschen anders sieht es aus, wenn ich höre „Was, DU malst?“ Das impliziert Fragen wie „Hast du das überhaupt gelernt?“ oder noch schlimmer „Wie ist das mit deinem oberflächlichen/materiellen/schlichten Wesen zu vereinbaren?“. Jedenfalls höre ich diesen Unterton aus einer solchen Frage und empfinde sie deshalb als unhöflich. Meistens kennen mich die Leute, die so fragen, ohnehin nicht besonders gut. Also alles nicht so tragisch.

Es gibt noch eine Variante, die mich viel mehr irritiert, auch weil sie gar nicht selten ist. „Was, du MALST?“ fragt mein Gegenüber, und ich kämpfe schwer gegen den Impuls an, beschämt den Kopf zu senken und schnell das Thema zu wechseln. Es ist ein Gefühl, als hätte ich gerade zugegeben, mir nebenher auf dem Strich ein Taschengeld zu verdienen.

Und tatsächlich wird das Gespräch dann ganz oft in sichere Bahnen gelenkt oder es versiegt vielleicht sogar ganz. Ist es wirklich so unpassend, zu malen? Warum?

Was bringt die Leute dazu, verlegen den Kopf abzuwenden, als hätte ich sie gezwungen, sich meine Bilder anzusehen, oder sie schön zu finden?

Es sind die gleichen Menschen, die dann versuchen, der peinlichen Situation die Spitze zu nehmen mit dem Spruch „Wenn du mal berühmt bist, kauf ich auch ein Bild von dir!“ Finde ich ja auch sehr schön. Allerdings kann ich natürlich nicht dafür garantieren, dass meine Bilder dann auch noch für jeden erschwinglich sein werden.

Was also bringt die Leute dazu, so zu reagieren?

Mein persönliches Gefühl dazu ist, dass viele Menschen den Zugang zu ihrer eigenen Kreativität verloren haben, und damit auch das Vertrauen in ihren persönlichen Geschmack. Ihnen fehlt das Handwerkszeug, kreatives Arbeiten und dessen Ergebnis zu bewerten. Als Bemessungsgrundlage bleibt dann nur noch der finanzielle Wert.

Vielleicht entdeckt ja bald jemand diese Marktlücke und gibt Geschmackskurse für viel Geld, wer weiß.

Bis dahin werde ich mich weiter immer wieder neu der Peinlichkeit aussetzen, wenn mein „Hobby“ zur Sprache kommt.

Am liebsten mag ich es trotzdem, wenn jemand so reagiert wie meine liebste Freundin vor vielen Jahren. „Was, du MALST? Das würde ich auch gern können! Du hast’s gut, du kannst immer etwas machen, auch wenn alles noch so hoffnungslos ist!“

Und sie hat Recht.

Ich kann immer malen und es wird mir immer ein Bedürfnis sein, ein Abbild der inneren oder äußeren Welt zu schaffen. Zum Schmuck. Als Erinnerung oder Belehrung. Oder eben einfach nur so.

© Irene Bittner 2003

 

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